Zwangsweise offline

Aufregende Stunden liegen hinter uns. Gestern wurde in Gambia gewählt. Sie wählten einen neuen Präsidenten. Das ist in Afrika immer eine große Sache. Die Stimmung im Land war seit Wochen schon sehr angespannt. Wir als Normalbürger haben diese Stimmung darin gespürt, dass das Internet immer mehr eingeschränkt wurde, damit so wenig Informationen wie möglich nach außen gehen. Für uns als NGO unerträglich, wenn wir die Sponsoren nicht mehr erreichen können. So quälten wir uns dann über VPN-Server und andere Programme, um mit unseren Freunden und Unterstützern in Kontakt zu bleiben.

Am Donnerstag, den 1.12. wurde dann gewählt. Eigentlich folgerichtig für diese Regierung wurde dann am Mittwochabend das Internet ganz abgestellt. Telefonate ins Ausland gingen auch nicht mehr. Ein komisches Gefühl, so ganz abgeschnitten von der Außenwelt zu sein, wenn es vorher dein Leben bestimmt hat.

Zum Glück gibt es Kindle. Und so kam ich mal wieder zum Lesen. Immerhin 544 Seiten in 2 Tagen. Das war die gute Seite, aber die Nervosität stieg, denn die Opposition hatte Maßnahmen im Fall einer Wahlfälschung angekündigt. Und tatsächlich, dieses Mal wurden die Wahlurnen nicht ins Statehouse gebracht, sondern vor Ort ausgezählt.

Und siehe da, plötzlich nach 22 Jahren keine Mehrheit mehr für den amtierenden Präsidenten. Die ganze Nacht wurde in allen Wahlbezirken ausgezählt. Murmel für Murmel, denn in Gambia werden Murmeln in den Topf mit dem Bild des Mannes geworfen, den du wählen möchtest. Bei einer Analphabetenrate von über 50% aber vielleicht keine so schlechte Idee. Übrigens alle 3 Favoriten Jahrgang 1965, das Jahr von Gambias Unabhängigkeit.

Gegen 18 Uhr schlossen dann die Wahllokale. Nun stieg die Spannung weiter. Da wir keinen Fernseher haben, musste das Radio per Smartphone her. Bezirk für Bezirk wurde ausgezählt und bekannt gegeben, zwischen durch immer wieder Musik und Quran. Merkwürdige Mischung. Es blieb bis zuletzt spannend, weil die Bezirke, die traditionell gegen die Regierung sind zum Schluss genannt wurden. Nach einer schlaflosen Nacht für die meisten der Wähler stand am nächsten Morgen gegen 11 Uhr das Ergebnis dann fest. Die Opposition hat gewonnen. Sofort ging das Internet wieder an, und die Menschen liefen auf die Straße und feierten, Autokorsos fuhren hupend an unserem Haus vorbei, und Verwandte und Freunde riefen sich gegenseitig an und tauschten ihre Meinungen aus. Ein historischer Tag, dem ich beiwohnen durfte. Ein Präsidentenwechsel nach 22 Jahren.

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