Ein Land erwacht

Erst ganz langsam wird mir klar, dass wir im kleinsten Land auf dem afrikanischen Kontinent einem sensationellen Großereignis beigewohnt haben. Jeden Tag gibt es neue Geschichten, die von totaler Begeisterung bis tiefe Trauer reichen.

Die Gambianer hatten die Wahl zwischen drei Kandidaten: dem ehemaligen Präsidenten, einem Vertreter Volksstammes der Fula und einem Vertreter der Maninka, die die größte Volksgruppe in Gambia stellen.

Der ehemalige Präsident hat dieses Mal, warum auch immer, zugelassen, dass es ein Spotcounting (Auszählung im Wahllokal)  gab. Als er dann jedoch bemerkte, dass es knapp wird, wollte er die Wahlurnen ins Statehouse bringen lassen.

Der Leiter der Wahlkommission konnte das jedoch verhindern. (Für mich der wahre Held dieser Wahl) Gott sei’s gedankt. So wurde Adama Barrow (Mandinka) der rechtmäßig gewählte neue Präsident. Wurden vor der Wahl noch Hamsterkäufe getätigt, und sind einige in die Provinzen geflüchtet aus Angst vor Gewalt, war es doch tatsächlich eine hochdemokratische Wahl mit einem fairen und unblutigen Ende.

Es wurde Tag und Nacht gefeiert. Noch heute sieht man Ashoobee auf der Strasse. Ashoobee bedeutet, dass Frauen, meist enge Freundinnen egal welchen Alters, sich Kleider aus dem gleichen Stoff nähen lassen und so zum Feiern gehen. Die Menschen sind glücklich und zeigen es. Gambia war schon immer die „smiling coast“, doch jetzt ist es nicht zu übersehen.

Nun ist es so, als ob die Bevölkerung wie aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Alle trauen sich wieder über ihre Pläne, Gedanken und Hoffnungen zu sprechen. Jeder, ob Taxifahrer, Köchin, Handwerker oder Banker. Jeder erzählt dir seine Geschichte, und was er glaubt, was jetzt passieren wird. Als Beobachter von außen meine ich, ohne jedes Wort in den Stammessprachen zu verstehen, dass etwa dreimal soviel gesprochen wird wie vorher.

Für uns war es in einigen Situationen vorher auch sehr befremdlich, als wir beispielsweise in unserem Drehbuch für unseren Projektfilm geschrieben hatten, dass es eine hohe Arbeitslosigkeit im Land gibt, und der Geschichtslehrer meiner Kinder uns darauf hinwies, diese Stelle bitte umzuschreiben, weil es als eine Beleidigung gegen die Regierung aufgefasst werden könnte. (Schluck)

Doch es gibt auch die Geschichten, von Menschen, die für die alte Regierung gearbeitet haben und nie damit rechneten, dass es zu Ende gehen könnte, und die jetzt arbeits- und manche auch mittellos sind.

Das ganze Land sortiert sich jetzt neu. Oppositionelle werden frei gelassen, vor vielen Einrichtungen, die dem ehemaligen Präsidenten gehörten,  stehen Sodaten zum Schutz. Seine Fotos, die an jeder Strasse etwa alle 200m und auf jeder Kreuzung zu sehen waren, sind noch am Tag der Wahl alle von Jugendlichen entfernt worden. Das Stadtbild sieht plötzlich merkwürdig leer aus 😉

An einen normalen Alltag ist zur Zeit noch nicht zu denken, aber es fühlt sich gut an.  Zeuge dieses Prozesses zu sein, dass das kleinste Land einen der bisher größte demokratischen Schritte in ganz Afrika gegangen ist, macht uns einfach nur sehr glücklich und erfüllt uns mit Stolz.

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