Bei Gericht!

Es liegt mir wirklich fern, mich über andere Länder und deren Gebräuche lustig zu machen. Aber was wir dieses Jahr bei Gericht erlebt haben, und wie viel dort gelacht wurde, kann man sich als kühler Norddeutscher eigentlich nicht vorstellen.

Warum, wieso, weshalb wir da waren, lassen wir jetzt mal beiseite. Ist für den folgenden Text auch nicht wichtig. Zunächst mal zum Bau. Das Gebäude ist ebenerdig und hat viele Gänge, die zum größten Teil offen sind. Die Räume, besonders die Gerichtssäle, liegen dann eher in der Hausmitte mit offenen aber vergitterten Fenstern. Alle Türen stehen auf, und jeder geht ungehindert überall ein und aus, und kann ungehindert alles mithören.

Das führt dazu, dass jeder jeden hört, und du alle Geschichten dort mitbekommst. Undenkbar in Deutschland. Ob es um eine geklaute Kuh geht, oder

um einen Vermieter, der sich beschwert, dass sein Mieter seit 3 Jahren keine Miete gezahlt hat, oder ein anderer auf dessen Grundstück sein Mieter ein weiteres Haus gebaut hat, ohne zu fragen. Langweilig wird es also nie.

Wenn dann noch der Schulfreund aus alten Tagen vorbei kommt, der zufällig eine hohe Stellung dort hat, geht plötzlich alles ganz schnell. Theoretisch. Wir wurden dann zumindest direkt in das richtige Büro geleitet.

Das Problem ist nur, dass Gambianer es nicht gewöhnt sind, sich gegenseitig ausreden zu lassen und abzuwarten, bis ein Fall fertig ist. Das führte dann wiederum dazu, dass parallel zu unserem Fall noch etwa vier Fälle gleichzeitig verschriftlicht wurden (von einer Person). Dabei ging es ja erst einmal nur um die Aufnahme der Fälle. Irgendwann lehnte ich mich dann nur noch zurück (ich hatte wenigstens einen Stuhl) und beobachtete das Szenario. Nur zur Verdeutlichung, das Büro war etwa 3×3 Meter groß, mit zwei Schreibtischen und jeder Menge Menschen, die um den Schreibtisch des Angestellten herumstanden. Es wurden immer mindestens 3 Sprachen gesprochen, von denen ich immerhin 2 einigermaßen folgen konnte. Wenn es irgendwelche Unklarheiten gab, oder Beweise benötigt wurden, griff man auch schnell mal auf WhatsApp zurück. Der Justizangestellt scheute sich auch nicht, entsprechende Verwarnungen per Sprachnachricht zu verschicken.

Als dann endlich alles zu Papier gebracht wurde, stockte mir kurz der Atem. So ist es doch tatsächlich üblich, wenn es um eine größere Straftat geht, den Gegner öffentlich bloß zu stellen. Das Gericht organisiert Zeitungs-, Radio-, und TV-Meldungen, in denen berichtet wird, was Herr X verbrochen hat. Das ist Teil des Informations-und Strafsystems. Mir war das persönlich zu heftig, und ich bat darum, ob es nicht auch weniger drastisch geht. Der Kompromiss lautete dann, dass ein Justizbeamter mit zur Familie fährt und die Familie aufklärt, da unser Gegner sich gerade nicht in Gambia aufhielt.

Lange Rede kurzer Sinn, der Prozess wurde dann noch einmal verschoben, aber dann wurden unserem Gegner 2 Monate Zeit gegeben, seine Schuld zu begleichen. Glücklicherweise erledigte er es etwas früher.

Wenn es nicht so ernst gewesen wäre, und ich die Sprachen besser könnte, wäre ein Tag bei Gericht eine gut Steilvorlage für eine TV-Serie „Geschichten aus dem wahren Leben“. Stoff gäbe es ohne Ende. 

Ein Gedanke zu „Bei Gericht!“

  1. Ein wirklich gelungener Artikel, der mir einen richtigen Einblick in das Alltagsleben in Gambia gibt. Für uns in Deutschland ist das einfach nicht vorstellbar, vor allem die Verwarnung per Sprachnachricht haha

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