10 Gründe warum Gambier unbedingt nach Europa wollen

Diesen Artikel widme ich meinem Schwager Habib, der mit 30 Jahren sein Leben im Mittelmeer vor Lampedusa verlor. Wir haben alles versucht, ihn davon abzuhalten, doch leider ohne Erfolg. Seitdem haben wir viele Gespräche mit anderen Ausreisewilligen geführt, um ihre Beweggründe und ihre Hoffnungen besser zu verstehen und ihnen vielleicht Alternativen anbieten zu können.

Gambia hat 1,8 Mio. Einwohner. Jährlich verlassen etwa 9000 junge Männer das Land, um durch die Wüste nach Libyen, über das Mittelmeer nach Italien zu gelangen. Nigeria beispielsweise hat 100x mehr Einwohner und auch von dort machen sich ebenfalls 9000 Männer jährlich auf den Weg.

Für Nigeria kann ich nicht sprechen, aber warum die Gambier gehen, davon konnte ich mir jetzt ein Bild machen, das ich gerne mit euch teile. Je mehr Menschen über die Motive informiert sind, desto besser können wir vielleicht helfen, sie davon abzuhalten. Allerdings müsste sich dazu wohl die Gesamtsituation im Land verbessern. Die Abwanderungsbeteitschaft ist bei vielen so hoch, dass selbst Versprechen für eigenes Geschäft oder ähnliches nicht mehr wirken. Es ist wie ein Virus, der die Männer befällt, von dem sie nicht mehr geheilt werden können. 

1. Gehalt/Lebenshaltungskosten

Das Gehalt eines Hausmeisters, oder eines Dienstmädchens ist pro Monat etwa 30€. Eine Einzimmerwohnung kostet etwa auch so viel, ein Sack Reis 25€ und ein Kilo Fleisch 5€. Wer rechnen kann merkt, dass hier etwas nicht stimmt. Ein Monat Arbeit genauso viel Wert wie ein Sack Reis? Selbst bei zwei Verdienern ist es dann unmöglich alle Kinder in die Schule zu schicken, Kleidung zu kaufen und seinen Lebensstandard je auf ein etwas besseres Niveau zu bringen.

2. Keine gute Arbeit ohne Ausbildung

Da es keine Industrie in Gambia gibt, gibt es auch keine Arbeitsplätze in der Fertigung. In der Landwirtschaft gäbe es Arbeit, aber dort möchte die Jugend nicht mehr arbeiten, und wie in vielen anderen Ländern auch, fliehen viele vom Land in die Stadt. Doch welche Aussicht haben sie dann als ungelernte auf eine Arbeit, die sie ernähren kann? Kaum eine. Viele verdingen sich dann als Dienstmädchen oder Wachmann für 30€ im Monat, oder schlagen sich als „Rabba Rabba“ (Gelegenheitsarbeiter) durch. Der Landwirtschaftsminister verkündete kürzlich in einer Pressekonferenz, dass Gambia in etwa 2 Jahren Selbstversorger mit Reis sein kann. Landwirtschaftlich mag das möglich sein, doch ich bezweifle, dass sie genug junge Arbeitskräfte finden, die bereit sind auf den Reisfeldern zu arbeiten.

3. Kaum eine Chance auf ein Studium

Meine Töchter haben durchlebt, wie es ist, mit einem sehr guten Abitur in Gambia einen Studenplatz zu bekommen. Sie konnten sich zwar relativ einfach in die Universität einschreiben, aber wenn du dann nicht nach etwa 4 Wochen das Geld für das erste Semester je nach Studienfach zwischen 300 und 600€ auf das Konto der Universität einzahlst, kannst du leider nicht weiter machen. Zwar gibt es Stipendien, doch die Staatskassen sind leer und obwohl wir alles versucht haben, was möglich ist, keine der Organisationen hat sich je zurückgemeldet. Wer also keinen Sponsor aus dem Ausland hat, braucht es gar nicht erst zu versuchen. Dann unsere persönliche Kertwende nach Deutschland. Da wird es einem interessierten Studenten aus dem außereuropäischen Ausland richtig schwer gemacht. Ich versuche mal kurz zusammenzufassen, was wir herausgefunden haben. Für uns ein Marathon, aber machbar, aber für einen Afrikaner ……????

  • Das Zeugnis muss von der deutschen Botschaft/Konsulat beglaubigt werden.
  • Der Student muss sich dann bei Uni-Assist in Deutschland anmelden und sein Zeugnis anerkennen und auf deutsche Noten umrechnen lassen. (Der Antrag ist natürlich auf deutsch und muss per Post eingereicht werden.)
  • Alle Studenten aus dem außereuropäischen Ausland müssen eine Deutschqualifikation vom Goethe-Institut mit der Einstufung von mind. B2, meistens aber C2 (höchste Stufe, für Leute, die deutsch unterrichten wollen) vorlegen.
  • Nun musst du einen Studierfähigkeitstest auf deutsch machen, ob sie dich für das Studienkolleg zulassen.
  • Dann kannst du dich für das Studienkolleg bewerben, das dir dann nach einem Jahr und bestandener Prüfung bestenfalls deine Fähigkeiten für ein Studium bescheinigt.
  • Mit dieser Bescheinigung kannst du dich dann an der Uni bewerben, wie ein deutscher Abiturient.
  • Allerdings musst du eine Adresse in Deutschland haben und genug Geld für ein Jahr zum Leben, da es nicht erwünscht ist neben dem Studienkolleg noch zu arbeiten.

So nun zeig mir mal einen Afrikaner, der all diese Bedingungen erfüllen kann.

Eine andere Alternative für Bachelor-Kandidaten, die ihren Master machen wollen: Überweise etwa 7000€ auf das Konto der Uni zu, dann kümmert sie sich um das Visum und die Unterkunft. Bei einem monatlichen Einkommen von 30-60€ der Eltern ein ziemlich schwieriges Unterfangen. Selbst das Studium in Gambia ist unter den finanziellen Möglichkeiten eigentlich unmöglich.

Ein anderes Problem ist, dass es an der University of The Gambia in fast allen Studiengängen keine Masterabschlüsse gibt. Nach dem Bachelor musst du entweder arbeiten oder für deinen Master ins Ausland gehen. So hoffen viele auf ein Studium außerhalb Gambias, um nicht als Akademiker mit einem Gehalt von 60€ zu enden.

4. Sorge um die Eltern

Da es in Gambia keinen Generationenvertrag gibt, funktioniert das Rentensystem folgendermaßen:

Jeder sozialversicherte Arbeitnehmer zahlt bei Beginn seiner Beschäftigung in die „Social Security“ ein, und wenn er dann mit ca. 60 Jahren in Rente geht, bekommt er einen kleinen Teil monatlich aber eine große Summe des angesparten Geldes sofort ausgezahlt. Mit diesem Geld kann er dann ein kleines Grundstück kaufen oder ein Geschäft starten. Leider gibt es das Rentensystem noch nicht so lange und viele Arbeitnehmer sind nicht sozialversichert, so dass das alte System, dass der Sohn (meist der älteste) die Eltern ernähren muss, noch immer sehr geläufig ist. Wenn aber nun ein junger Mann nicht genug verdient oder gar keinen Job hat, kann er dieser Pflicht nicht nachkommen, und es wächst ein enormer Druck auf ihn. Dieser Druck kann dann dazu führen, dass die Familie ihr Grundstück (oder Teile davon) verkauft, in der Hoffnung, die Eltern aus der Ferne besser unterstützten zu können.

5. Zu hohes Brautgeld

In den meisten Familien wird noch nach dem klassischen System gehandelt, dass die Töchter in die Familie des Mannes heiraten, und die Söhne bei den Eltern wohnen bleiben. Da die Töchter einen großen Anteil der Hausarbeit erledigen, möchten die Eltern ein hübsches Brautgeld für die Töchter haben. Die Klassiker sind ein Koffer voller Kleider und eine eingerichtete Wohnung für die Braut und ein Kühlschrank und Bargeld für die Eltern. In dörflichen Gegenden müssen dann oft noch die Verwandten der Braut bedacht werden. Wer das nicht kann, geht entweder leer aus, findet eine „günstigere Braut“ oder begnügt sich mit einer Freundin. Aber das wollen die Eltern ja auch nicht. Glücklicherweise rücken jetzt immer mehr Familien von dieser Tradition ab. So kann der Mann geben, was er zu geben vermag. Aber noch ist es lange nicht die Mehrheit. Heiraten ist also teuer. In Deutschland ist es weitaus billiger, oder die jungen Männer erliegen dem Irrglauben, dass sie in Europa mal schnell viel Geld zu verdienen können, um dann als reiche Männer zurückzukommen und zu heiraten.

6. Kein Geld für Selbständigkeit

Hin und wieder hört man dann auch solche Geschichten. Ein junger sehr fähiger Tischler fragte uns einmal ob wir ihm ein paar Werkzeuge kaufen könnten, damit er seine Selbständigkeit voran treiben könne. Zufällig wussten wir, dass er einen Bruder in Amerika hat. Auf die Frage, warum er ihn nicht unterstützt, bekamen wir die Antwort, sein Bruder würde lieber, dass er nach Europa ginge als ihm Geld für Werkzeuge zu geben. Aber er will ja gar nicht nach Europa. Bis jetzt war er noch guter Hoffnung sein Geschäft auszubauen, aber wenn er scheitert, wer weiß, was er dann macht.

7. Den Kindern etwas bieten wollen

Wenn sie es dann geschafft haben zu heiraten und eine Familie zu gründen, wollen sie den Kindern eine bessere Zukunft bieten. Sie sollen zur Schule gehen und eine gute Ausbildung bekommen. Die Chance das zu erreichen, ist oft sehr gering. So entscheiden sich auch oft junge Familienväter für den gefährlichen Weg durch die Wüste. In einem uns bekannten Fall campierte der Familienvater 5 Jahre in einem Zelt vor dem Zaun zu der Enklave Melilla und versuchte immer wieder den Zaun zu erklimmen. Leider ohne Erfolg. Nach einer Massendeportation kam er dann wieder nach Gambia, blieb 5 Monate und brach dann wieder auf nach Lampedusa. Dort hockt er jetzt seit 2 Jahren in einem Camp und hat in den mittlerweile über 7 Jahren 100€ nach Hause geschickt. Als Dachdecker hätte er in den 7 Jahren, besonders in der Regenzeit, wesentlich mehr verdient.

8. Vorbilder

Ein anderes Phänomen sind die „Semester“. So werden in Gambia die jungen Männer genannt, die es geschafft haben. Sie tragen dann natürlich besonders dick auf, wenn sie in der Heimat sind. Sie haben viele Geschenke im Gepäck und Bargeld, sind top gekleidet und kommen eben ganz cool rüber. Dass die meisten Sachen auf Raten oder von der Freundin oder Frau gekauft wurden, braucht ja niemand zu wissen. Und wenn sie dann so stolz durch die Gegend fahren, in ihren gemieteten Autos, will es ihnen natürlich jeder gleich tun. Über die wahren Umstände der Flucht, der Auffanglager, des langen Wartens auf Papiere und der verbundenen Demütigungen, schweigen sie sich natürlich aus. So verbreitet sich das Märchen, dass in Europa das Geld sozusagen an den Bäumen hängt, und man nur zuzugreifen braucht.

9. Keine Aussicht auf eine „normale“ Zukunft

Der Europa-Virus hat inzwischen so um sich gegriffen, dass sich viele eine normale Arbeit schon gar nicht mehr vorstellen können. Junge Männer, die vom Europa-Virus befallen sind, zur Arbeit zu bewegen ist eine fast unlösbare Aufgabe geworden, denn sie meinen eine „normale“ Zukunft in Gambia wäre Ihnen nicht zuzumuten. Jede Arbeit, um die Familie wenigstens ein wenig zu unterstützen, ist unter ihrer Würde. Ganz ganz traurig. Ihre Definition von normaler Zukunft beziehen sie aus amerikanischen Filmen. (Daran sieht man mal wieder, dass nicht für jeden ein Fernseher gut ist.) So sollte das Leben sein, das ist das Ziel. Alles darunter hat keinen Wert.

10. Viele wollen den Kick

Und schließlich gibt es noch die Jungen, denen das Leben in Gambia zu langweilig ist. Auf die Gefahr des Weges angesprochen, antworten sie: „Alles besser als das hier.“ Sie wollen das Abenteuer, haben keine Angst vor der Wüste, dem Verdursten, der Sklaverei in Libyen oder dem Ertrinkungspotential auf dem Mittelmeer.

Das sind die Aussagen, die ich in Gesprächen mit jungen Menschen gehört habe. Viele Europäer können sich nicht vorstellen, warum sie denn unbedingt das Land verlassen wollen, obwohl es keinen Krieg gibt, die politische Lage ruhig ist, kein Epedemien oder Sonstiges. Ich hoffe ich konnte euch einen kleinen Einblick hinter die Kulissen des Flüchtlingsdramas geben.

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