Wir nennen sie Containershops

Wir nennen sie Containershops, aber eigentlich ist es eine Recycling-Industrie.

In Zahlen: Deutschland hat seine Konsumausgaben in den letzten knapp 30 Jahren verdoppelt. Das heißt, es wird mehr und mehr gekauft. Die Gründe sind klar. Billigware macht es möglich, und es wird auf Quantität statt Qualität gesetzt. Da die Billigproduktionen (meist aus dem Ausland) aber nicht lange hält, hat jedes einzelne Produkt eine oft recht kurze Lebensdauer. Und irgendwo müssen die ausrangierten Sachen ja hin. Was liegt da näher als sie zu den Armen und Hilfsbedürftigen z.B. in Afrika zu schicken.

Ich teile diese Ansicht mit gemischten Gefühlen.

Ich selbst lebe einen Großteil des Jahres in Afrika, in einem Land ohne eigene Industrie und sehe wie sich die Einwohner über professionell hergestellte Sofas oder Betten freuen. Wer möchte nicht lieber auf einer richtigen Matratze schlafen statt auf einem Strohsack. Doch die Sache hat mehr als einen Haken.

1. Die Personen, die die Container schicken, machen es nicht zum Selbstkostenpreis. Nach Abzug der Containerkosten und der Ladenmiete schlagen sie noch kräftig Profit obendrauf, obwohl sie viele Sachen von Sperrmüll holen oder geschenkt bekommen, denn schließlich wollen sie ihre Familien in Afrika, in Deutschland davon ernähren und vielleicht noch ein schönes Haus mit Grundstück erwerben. So kostet dann schnell mal ein geschenktes Sofa in Gambia 300-400€. Viele wissen das nicht, aber außer den NGO’s schenkt hier niemand etwas. So kommt dann auch ein geschenktes Sofa selten bei den Bedürftigen an.

2. Da es kaum noch Qualitätsware zu kaufen gibt, z.B. Kleidung, kommt der Altkleidermüll, sorry für meine Ausdrucksweise, nach Afrika, kann hier auch nicht mehr lange getragen werden und kommt dann wirklich in den Müll. Das Problem ist der immer höher werdende Plastikanteil in der Bekleidung. In den Industrieländern, ist die Entsorgung auch ein Problem, doch dort gibt es Müllverbrennungsanlagen, die es z.B. in Gambia nicht gibt. Was also passiert mit dem Müll? Er wird auf einer großen Fläche (ca 3 Fußballfelder) unter freiem Himmel verbrannt, direkt neben einem SOS-Kinderdorf. Es gibt Tage an denen werden die Kinder im SOS-Kinderdorf über Stunden mit dem beißenden Gestank von verbranntem Plastik gestört. Da diese Fakten oft nicht bekannt sind, macht sich verständlicherweise keiner der Spender Gedanken darüber.

3. Müssen wir noch über die Rohstoffe sprechen. Kunststoffe bestehen aus Erdöl. Die Billigwaren aus den Discouterketten bestehen zu immer größeren Prozentzahlen aus Kunststoffen. Kunststoff ist billiger in der Verarbeitung und leichter verfügbar als Naturmaterialien. Aus eigener Beobachtung kann ich bestätigen, dass fast alles, was in der Regel aus Asien nach Gambia importiert wird, aus minderwertiger und damit billiger Produktion stammt. Ob es sich um Flip-Flops, Malerutensilien, Handys, Schreibwaren oder Kleidung handelt. Ob gebraucht oder neu. In Afrika kommt nur an, was für den Europäischen Markt nicht gut genug ist, oder vom Europäischen Markt aussortiert wird. Wird Afrika zur Müllhalde der Welt?

So muss ein Umdenken stattfinden. Ein Cousin meines Mannes, leider letztes Jahr verstorben, hat mir mal seine Herrenschuhe zum Schnüren gezeigt, die er vor 20 Jahren von einem Briten geschenkt bekommen hat. Die hat er bis zu seinem letzten Atemzug getragen. Das ist Qualitätsware, die auch in Gambia noch lange hält. Mein Mann hat seiner Schwester vor Jahrzehnten ein Wollpullover aus Deutschland geschenkt, den hat sie immer noch. Und warum wollen die Gambier wohl lieber ein gebrauchtes Handy aus Deutschland als ein neues aus Asien?

Auch wir als NGO müssen aufpassen, um uns nicht von dem Billigkonsum-Rausch mitreißen zu lassen. Was wir allerdings versprechen ist, dass alle Waren, die wir mit einem Container schicken, verschenkt werden. Doch deswegen müssen wir leider für die Transportkosten sammeln, denn jeder Container kostet ein paar Tausend Euros zum Schicken.

So lasst uns nachhaltig an die Hilfe für Afrika herangehen. Lasst uns versuchen, unsere Spenden nach Gambia nachhaltig zu gestalten. Lasst uns versuchen für uns selbst und für andere Produkte auszuwählen, die weder bei der Produktion noch bei der Entsorgung der Umwelt großen Schaden zufügen. Nur so können wir als Muslime und bewußt lebende Menschen einen wertvollen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten. Lasst uns ein Vorbild für die nachfolgende Generation sein, die schon mit dem Beispiel Amazon (Vernichtung der Rückläufen) genug schlechte Beispiele vor Augen hat. Und helft uns durch Bewussheit und Verstand bei der „Perversion der Wegwerfgesellschaft“ (Katrin Göring-Eckard) nicht mitzumachen.

Was können wir konkret tun?

Oberstes Gebot: Bewußt handeln.

Ob die Abaya-Aktion oder die Schultaschen-Aktion, bitte seht euch die Qualität an.

  • Ist sehr viel Kunststoff enthalten (Bei Kleidung z.B. Polyester oder Elastan)? Dann bitte nicht schicken.
  • Werden die Farben und das Material auch nach mehreren Waschegängen noch die gleichen sein?
  • Bei Schultaschen: Markenprodukte sind ok, weil langlebig, aber die kleinen Vollplastik-Taschen gehen sehr schnell kaputt, und werden dann verbrannt.
  • In Gambia sind es jeden Tag über 30 Grad, bitte nichts mitschicken, dass ihr auch nicht bei 30 Grad tragen würdet. Diese Sachen müssen sofort aussortiert werden und landen dann unweigerlich auf dem Brennplatz vor dem SOS-Kinderdorf.
  • Kuscheltiere haben keinen Wert in Gambia, weil die Kinder zu 90% draußen spielen und dreckige Kuscheltiere nicht so hygienisch sind.
  • Kinderwagen können nicht verwendet werden, weil die sandigen Straßen es nicht möglich machen, ihn seinem Zeck entsprechend zu verwenden.

Ich hoffe, dass diese Bitten nicht zu viel verlangt sind und einen Prozess des bewußten Handelns bei uns allen auslösen.

Mich interessieren die Themen Nachhaltigkeit und Minimalismus sehr, und es wird so Gott will nicht das letzte Mal sein, dass ich darüber schreibe.

Anbei nun noch eine Reportage von Arte, die mir die Augen geöffnet hat, was die Textilindustrie gerade für ein zukunftszerstörenden Mist verzapfen. Bitte anschauen.

https://youtu.be/wMQJzmRa2fI

Entschuldigt, dass ich eurer Spendenlaune damit vielleicht einen kleinen Dämpfer verpasst habe, aber im Sinne der Zukunft unserer Kinder vielleicht doch verständlich. Gerne bleibe ich über dieses Thema mit euch im Austausch. Bitte zögert nicht mich anzuschreiben. Email-Adresse auf der Blogseite. Danke für dein Interesse an meinen Artikeln, ich würde mich freuen, wenn du diesen Blog abonnieren würdest, dann verpasst du künftig keine Artikel mehr.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s